Mittwoch, 23. November 2016

Wie ich einmal Verrat an meinen Kindeskindern beging.

Ich habe da ein Problem. Es ist ein absolutes Luxusproblem. Es ist aber nicht nur mein Luxusproblem. Das Problem ist, dass ich den Luxus habe und andere das Problem.

Schon öfter berichtete ich von dem Superkindergarten der Kinder mit dem super Betreuungsschlüssel. Diese Einrichtung ist eine private Einrichtung und kostet pro Kind um die 1000 Euro pro Monat. 

Wir können uns das gerade so leisten, aber für die Babybetreuung nimmt man so einiges in Kauf. Für die Großen wäre das vielleicht schon nicht mehr so unbedingt nötig, aber es ist natürlich viel zu schön dort, um etwas an der Situation zu ändern.

T1 ist nun 5 Jahre alt und wird 2017 eingeschult. Ich berichtete bereits von dieser unglaublich tollen Privatschule. Alle ihre Kindergartenfreunde werden diese private Grundschule besuchen. Durch unseren exklusiven Kindergarten haben wir problemlosen Zugang zu dieser Schule ohne große Vorauswahl.

Diese Schule hat nicht nur kleine Klassen und 2 Lehrer/Erzieher pro Klasse, sondern individuelle Lernpläne für jedes Kind, viel Sport, freie Lernräume wie Science Lab, Holzwerkstatt, verschiedene Musikangeborte etc., sondern auch viel Klassen- und fächerübergreifendes Lernen, jahrgangsgemischtes Lernen, einen Lernplan der sich an den Neigungen und Interessen des Kindes orientiert, sehr viel soziales Lernen und Mitbestimmung der Kinder in Schulfragen... Ach, die Liste ist noch ewig lang.
Zusammen gefasst kann man wohl sagen, dass diese Schule das pädagogische Konzept an die neusten Erkenntnisse der Kognitionsforschung angepasst hat. 

Diese Schule bietet jedem Kind den bestmöglichen Start ins gesellschaftliche Leben.

Ich habe den Zugang zu dieser Schule und die Großeltern wollen das Geld dafür geben.



Aber ich habe da ein Problem. Es ist ein absolutes Luxusproblem. Es ist aber nicht nur mein Luxusproblem. Das Problem ist, dass ich den Luxus habe und andere das Problem.



Beim Infotag habe ich einen Fehler gemacht. Ich habe im Gespräch mit den anderen Eltern die Frage formuliert, ob es das Richtige sei, dieses Privatschulding anzufangen. Ich habe ja fast alle Eltern dort bereits gekannt. Ausnahmslos alle haben mich angeschaut, als sei ich der letzte Mensch, manche fragten, was diese Frage eigentlich solle und andere bemerkten abfällig, dass ich ja in dem Milieu sowieso falsch wäre, wenn ich mir schon solche Fragen stellen würde. 
Ich erschrak furchtbar über die Nonchalance, die Vehemenz mit der die anderen Eltern ganz klar ihr Kind beabsichtigen auf diese Schule zu schicken. 

Diese Eltern sind, wie ich, nicht selbst auf Privatschulen gegangen. Die haben das normale staatliche Schulsystem durchlaufen, stammten aber bereits aus Akademikerfamilien. Der vorbeschriebene Weg soll direkt in die Elite führen. Ihre Kinder werden diesen Weg mit Freude erfolgreich gehen.
Diese Kinder jedoch werden in ihrem ganzen Leben niemals mit Begriffen wie Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit tangiert werden. Für sie werden diese Begriffe leere Worthülsen sein. Sie werden jedoch die Leistungsträger der kommenden Generation sein. 


Ich stamme aus anderen Verhältnissen. Meine Eltern haben dafür gekämpft, dass es mir mal besser ginge. Und das tut es. Ich kann mein Kind auf eine Privatschule schicken. Ich kann das beste für mein Kind kaufen. Ich kann meinem Kind die bestmögliche Bildung und somit eine vergleichsweise extrem gute Zukunft kaufen.
Die Frage ist nur, ist es auch das Richtige?


Ich habe mir natürlich die staatliche Grundschule angeschaut, in deren Einzugsgebiet wir wohnen. Es ist die Grundschule in unserer Stadt, die die meisten Landes- und Gemeindemittel zur Verfügung hat. Die Lehrer sind toll. Das Gebäude etwa 10 Jahre alt. Das pädagogische Konzept für eine staatliche Schule sehr gut. Die Lernmethoden modern. Die Klassengröße vertretbar. Sie ist gratis. Es gibt mehrere Schulsozialpädagogen, mehrere Erzieher (wenn auch nicht so viele wie in der Privatschule). Es gibt sehr viele Projekte, die das soziale Lernen fördern sollen.

Diese Schule hat einen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund von 75%.

Darum wird sie vom Konzept so intensiv überarbeitet worden sein. Darum wird dieser Schule so viel Geld zur Verfügung gestellt werden. Aber der Ton dort wird sehr viel rauer sein, als auf der Privatschule. Das Kind wird sehr viel schneller, sehr viel selbstständiger werden (müssen) auf dieser Schule.


Ich weiß, dass T1 Veränderung hasst. Sie ist so unglaublich behütet aufgewachsen, so empathisch und bindungsorientiert erzogen - sie kennt diesen rauen Ton nicht. Und wie jede Mutter möchte ich sie dem nicht einfach so aussetzen. Ich habe die Möglichkeit sie vor all dem zu verschonen, sie weiter in ihrer Blase zu lassen, wo sie individuell gefördert wird, aber mit sehr viel mehr Händchenhalten, als in der staatlichen Schule. 

Ich weiß, dass ich meiner Tochter zutrauen kann, ihren Weg zu gehen, auch bei Gegenwind. Sie ist ein Sensibelchen, aber sie ist klug und wird Strategien finden, mit der Welt umzugehen. Aber es wird uns alle Tränen kosten und manchmal harte Arbeit werden. Sie wird manche Enttäuschung, manche Demütigung vielleicht, wegstecken müssen.

Ich weiß, dass sie lernen wird, damit umzugehen. Ich weiß, dass ich ihr auch dabei helfen kann. Ich weiß, dass ich die pädagogischen Unebenheiten zu Hause etwas ausgleichen muss, aber das kann ich auch. 

Ich weiß das alles, denn ich habe mitgeholfen ihren Rucksack zu packen. 

Ich weiß nur eines nicht. Ich weiß nicht, wie ich dem Kind den Rucksack aufsetzen soll, es zur Türe hinausführen soll und es ihm sagen soll: 'Hier mein Kind, hier beginnt dein Weg. Du hast alles was du brauchst dafür in deinem Rucksack. Aber ich kann dich nun nicht mehr tragen. Du musst auf deinem Weg nun selber gehen. Ich kann dich manches Stück begleiten. Aber ich kann dich nicht tragen und ich kann dir deinen Rucksack nicht tragen.' 

Ich weiß, es wäre das Richtige, dem Kind zuzutrauen, dass es seinen eigenen Weg geht. Das wird es nämlich tun. Mit Bravour. Denn sein Rucksack ist extrem gut gepackt.

Ich weiß nicht, wie ich mein Kind loslassen kann. Ginge sie auf diese Privatschule, so wäre stets jemand bei ihr, der ihr den Rucksack abnehmen könnte, der sie stets an die Hand nimmt, wenn sie unsicher ist, der sie vor Unwegsamkeiten bewahrt. Zumindest noch einige Jahre. Zudem ist das pädagogische Konzept der Privatschule natürlich ein knallhartes Argument. Meine Kinder werden alle niemals ungebildet sein, egal welche Schule sie besuchen. Nur wie einfach der Weg sein wird, das ist natürlich ein nicht zu unterschätzender Punkt. 

Das Richtige wäre es, das Kind mit seinem Bildungshintergrund auf eine staatliche Schule zu schicken, es nicht dem Solidarsystem zu entziehen. 
Das Richtige wäre aber auch, dem Kind die nur irgend bestmögliche Bildungschance zu ermöglichen, das beste Lernumfeld, die optimalen Entwicklungsmöglichkeiten.


Was ist schon das Richtige?

Ich weiß es nicht. Ich bin die mit dem Luxusproblem. Es tut mir leid. 

Donnerstag, 17. November 2016

Am Ende der Kompensation

Ich kompensiere nicht schlecht. Ich kann das echt gut. Und ich mache es in rauen Mengen. Ich ertrage auch viel. Vor allem Banales:

  • Das Baby schläft nicht.
  • Jede Stunde stillen.
  • Die Großen machen grad echt Radau, alle beide, jeder auf seine Weise.
  • Schulanmeldungen und mein Problem, dass ich selbst Schule gehasst habe und versuche die Schulwahl meiner Tochter nicht davon überschatten zu lassen.
  • Bewerbungsabsagen.
  • Geldsorgen.
  • Weitere Bewerbungen schreiben, auf die ich Absagen erhalten werde und die Angst und Selbstzweifel, die damit einher gehen.
  • Magen-Darm.
  • Baby schläft nicht und Erkältungen.
  • Der Versuch mein Gewicht nach der Schwangerschaftshungerkur zu halten.
  • Weihnachten bei den Schwiegereltern planen.


Keine weiteren Katastrophen bisher. Doch ich bin müde. Dann schrei ich eines der Kinder an, entschuldige mich, schäme mich, versuche nicht wieder zu schreien.

Am Ende des Tages um ca. 23.30 Uhr steht das Ende der Kompensation an. Ich liege im Bett und möchte heulen. Es ist so banal, ich trau mich fast nicht.

Es ist die Kompensation des Banalen.

Dienstag, 25. Oktober 2016

Wer ist schuld am Mimimi?

Die Antwort ist denkbar einfach: prinzipiell immer andere!

Aber von vorn. Aus Gründen kam mir ein Wort in den Sinn, das direkt danach schrie, weiter von mir Durchdacht und Zerdacht zu werden, weil ich da offenbar ein Defizit hatte. Ein Thema, zur Selbsterkenntnis und Reflexion, woran man direkt merkt, dass ich darin immer noch Anfänger bin. Leider.

Jedenfalls das Wort war: Kränkung.

Ich las ein wenig darüber. Um ehrlich zu sein, wissenschaftlich da heranzugehen fand ich schwer. Ich fand wenig, eigentlich nix, was mir als Laien da irgendwie Erleuchtung gebracht hätte. Bis auf ein Buch, das ich zuerst las und mir dann die Quellenangaben davon vornahm.

Ein sehr gutes Buch* als Einstieg, möchte ich sagen. Empfehlenswert.

Es heißt darin zu Beginn, wir seien eine gekränkte Gesellschaft als Resultat der Implementierung des Egos als Grundlage des Kapitalismus. Ich kann das nur unterschreiben. Jeder scheint jederzeit von allem und gerne auch einfach mal so gekränkt zu sein. Man möchte permenat rufen ‚Setz dein Problem mal in Relation und mach mal halb lang! Es gibt Menschen mit echten Problemen!’

Klar, so mal kurz ein kleines Mimimi, wenn die Nacht schlecht war, man krank ist, irgendwas nicht funktioniert – da hat keiner was dagegen. Aber ich hab den Eindruck, dass immer mehr Menschen extrem empfindlich sind und selbst denken, andere wollten ihnen ausschließlich an den Kragen...

Häufig findet man das leider auch in der Blogsphäre, weil so ein Blog ja eine wunderbare Plattform ist, anderen etwas vorzujammern. Ich finde das schade, denn es macht die Blogidee kaputt. Es geht nicht mehr um Inspiration im Netzwerk oder Unterhaltung, es geht nur noch ums Köpfchenstreicheln. Vielleicht trägt auch das dazu bei, dass ich nur noch wenige andere Mamablogs lese.
Je narzisstischer man ist, desto leichter ist man gekränkt.


Abgesehen davon kam mir beim Thema Kränkung ein Gedanke über den ich noch nie so wirklich deutlich gelesen habe. Vor allem nicht in Mamablogs. Auch Hebammen hab ich so nie darüber reden hören.

Geradezu ein Tabu:
Das Kinderkriegen, mein Kind als Mensch kränkt mich als Mutter, weil es meine körperliche und psychische Integrität/Unversehrtheit benutzt und teilweise zerstört, um auf die Welt zu kommen und groß zu werden.

Ja, die Gesellschaft MUSS kinderfreundlicher werden, wenn wir alle gut zusammen leben wollen. Die medizinische Betreuung in Schwangerschaft und Geburt IST oft suboptimal organisiert und da gibt es noch reichlich Luft nach oben. Mütter WERDEN konkret diskriminiert und isoliert im Erwerbsleben, im Familienleben etc. Ja.

Aber gehen wir mal weg von den äußeren Umständen.

Ich möchte mal berichten von mir und meinem Körper und meinem Kind.

Allein die Schwangerschaft von T2 war anstrengend. Mein Körper tat, was er soll – ja – aber das beeinträchtigte mich in meiner Psyche und meinem Wohlbefinden erheblich. Die Übelkeit, die Rückenschmerzen, die Müdigkeit. Dann lag K2 lange quer und ich hatte Atemnot. Dann die Geburt, so schnell und bösartig, dass es meine schlimmste Geburt war.

Aber warum war das meine schlimmste Geburt?

Weil ich all dem hilflos ausgeliefert war. Mein Körper hat nur gemacht, was er sollte. Das Kind hat nur gemacht, was halt passiert, wenn es auf die Welt kommt. Rein medizinisch hat alles perfekt funktioniert. Aber es war eine krasse Gewalterfahrung für meine Psyche. Gewalt, ausgehend vom Kind. Gewalt ausgehend von meinem eigenen Körper, der sich meiner geistigen Kontrolle absolut entzog. Meine einzige Geburt ohne Regulation der Schmerzen und Kontrolle von außen. Eine sogenannte natürliche Geburt. Ein einziger Gewaltakt.

Da ich auch schon Gewalt von außen, konkret sexuelle Gewalt, erleben ‚durfte’ fällt mir ein Unterschied auf. Die Akteure konnte ich hinterher anschreien, sie meiden, sie hassen, ihnen alles erdenklich Schlechte an den Hals wünschen.

Und da ist für mich der Punkt der absoluten Demütigung bei der Geburt meines zweiten Kindes. Ich wollte und will meinen eigenen Körper und mein eigenes Kind nicht hassen.

Jetzt argumentiert natürlich jeder mit ‚Das Kind kann ja nix dafür... blabla... unschuldig... blabla... ist halt die Natur blabla...’ Ja, kann ich logisch nachvollziehen.

ABER de facto habe ich es so erlebt, als Gewalterfahrung. Es war schlichtweg brutal, wie sich das Köpfchen millimeterweise über den Damm schob, durch mein eigenes Pressen. Ich konnte nicht nicht pressen. Ich konnte keine Wehenpause machen. Ich konnte nicht. Es war mir willentlich nicht möglich. Ich erinnere jeden verdammten Millimeter, jede verdammte Presswehe, das Reißen, das Nähen ohne Betäubung. Verdammt, ich war in meinem ganzen Leben noch nie derart jemandem ausgeliefert.

DAS ist die klassische Definition von Gewalterfahrung, die Demütigung, Scham und Kränkung zur Folge hat. Und gerade WEIL es medizinisch genau richtig war, WEIL es zu 100% physiologisch natürlich war, war es so kränkend.

Diese Art der Gewalt war zielführend, berechtigt und genau das was ich wollte.

So wurde es mir natürlich verkauft von all den Mutteridealvertretern.

Es war natürlich genau gar nicht das, was ich wollte. Mein Verstand wollte etwas ganz anderes. Niemand will das erleben.

Bei den anderen zwei Geburten hatte ich Hilfe von außen und damit zumindest Kontrolle über den Schmerz, auch wenn rein körperlich eine Geburt eine Geburt bleibt, so hatte ich dennoch keine Gewalterfahrung.

Die dritte Schwangerschaft jedoch war auch so eine Art demütigende Gewalterfahrung. Es ging mir so schlecht, auch weil ich gefangen war in diesem Tabu. Mein Kind hat mich geplagt. Volle neun Monate lang.

Es hilft mir nicht, wenn es nicht böswillig geschah. Es war schlecht und ich konnte nichts dagegen tun. Ich musste es ertragen.

Und ich muss auch generell sagen, das Kinderkriegen hat schlicht meinen Körper kaputt gemacht. Mein Schmerzgedächtnis ist enorm, meine Zähne sind angegriffen vom vielen Kotzen, mein Rücken, mein Becken – alles schmerzt, trotz Sport und Physio und Mittelchen. Meine Psyche ist ganz schön mitgenommen durch diese körperlichen Strapazen. Unabhängig von der Freude, die meine Kinder mir bereiten.

Ich fühle mich abends kaputt im wörtlichen Sinn. Geschunden. Und ja, wegen meiner Kinder.

Und meine Kinder demütigen mich auch jetzt noch durch Dinge, die sie sagen. Unabsichtlich zwar, aber dennoch. Das Baby schlaucht mich allein durch den Schlafenzug. Es ist oft genug ein echtes ‚Plagen’.

Wir sehen unsere Kinder gern als unschuldige kleine Wesen, weil wir sie so sehr lieben. Aber Fakt ist für mich, dass Gewalt Gewalt bleibt, auch wenn sie unbeabsichtigt von einem Baby ausgeht. Wir geben dem Baby nicht die Schuld, wir tragen sie lieber selbst. Dem Baby verzeihen wir die Schuld leicht, uns selbst jedoch oftmals nicht, vor allem, wenn die Gewalterfahrung so massiv war. Schreien wir das Kind an, haben wir ein schlechtes Gewissen, aber die Wahrheit ist, wir verleugnen nur die Gewalt. Sei sie psychisch oder physisch. Weil wir diese verdammte Kränkung nicht ertragen wollen, nicht ertragen können.

Es kränkt uns, dass wir ein Kind wollten und es uns jetzt plagt. Es kränkt uns, dass wir dem Baby nicht die Schuld geben dürfen. Es kränkt uns, dass wir diese Situationen einfach aushalten müssen, gleichmütig und gütig und liebend.

Wenn eine Kränkung per Definitionem eine nachhaltige Erschütterung des Selbst und seiner Werte ist, dann liegt es vielleicht auch an den Werten ansich, dass diese so leicht erschüttert werden können und vielleicht bedarf es einer Anpassung dieser Werte. Mir geht es besser, seit ich meinen 'Wert' an die Realität angepasst habe: Mein Kind hat mir Gewalt angetan und es war furchtbar. Aber es ist Teil der Interaktion zwischen mir und meinem Kind und keiner ist in unserer Beziehung 'unschuldig'. Vielmehr stimmt meine Definition von Schuld (und Gerechtigkeit) in diesem Zusammenhang nicht. Es gibt kein Mindestalter für Menschen, ab wann sie andere verletzen können. 

Ich sehe es jetzt so: Ich habe mein Kind gekränkt durch Herauspressen aus der geborgenen Umgebung. Mein Kind hat mich gekränkt durch den ebenfalls gewalttätigen Akt der Geburt. Beide konnten wir es weder verhindern, noch gewaltlos miteinander umgehen. Es hat uns und unsere Beziehung nachhaltig geprägt. Und wir müssen und mussten beide gleichermaßen eine Strategie entwickeln miteinander umzugehen und das zu verarbeiten. Von 'Schuld' rede ich in diesem Zusammenhang nicht.

Vielleicht reagieren darum v.a. einige Mütter so angepisst, wenn es ums Thema schöne Geburt, Kindererziehung, Babybrei, Vereinbarkeit geht. Vielleicht macht uns diese Kränkung, das Aushaltenmüssen, so gehässig wenn es darum geht, welches Baby wann krabbelt und spricht, wer Markenkleidung kauft und wer die Privatschule bevorzugt.


Denn wenn man massive jahrelange Kränkungen ertragen muss, dann muss man verdammt gut sein im Verzeihen oder im Kompensieren. Die bitterste Form der Kränkung ist jedoch die Selbsttäuschung, wie Haller es formuliert. Man hat sich von seiner eigenen Vorstellung zu einer Sache täuschen lassen. In so einem sensiblen Moment wie einer Geburt kann einen diese Enttäuschung schon tief treffen. 

Ja, vielleicht bin ich enttäuscht von mir, weil ich blöd genug war, das ewig vorgebetete 'Natürlich ist besser und jede Frau kann eine schöne Geburt erleben' zu glauben und es dann nicht hinzubekommen. Ich hatte Erwartungen aufgebaut, dass mein Kind mich nicht derart verletzen würde. Ich war narzisstisch genug zu glauben, dass ich das mal so kurz wegstecke, weil ja Kinderkriegen 'das Natürlichste der Welt ist'. 

Und weil von außen das Bild idealisiert wird und von innen die Erwartung aufgebaut wird, dass es dann auch ideal sein wird, müssen wir uns hinterher eingestehen, uns doch was vorgemacht zu haben. Es ist die perfide Mischung aus Zwang und der Mär der frei wählbaren Selbstwirksamkeit, die die Menschen unglücklich macht und es ihnen so schwer macht, die Realität zu verarbeiten. 

Ich habe die Geburt von T2 öfter aufgearbeitet unter verschiedenen Gesichtspunkten. Aber ich möchte ausdrücklich sagen, dass es eben AUCH eine Sache der Einstellung ist, wie man mit diesen Kränkungen und Gewalterfahrungen umgeht. Sie einfach auf unsensibles Klinikpersonal zu projizieren ist dumm. Das Kind und man selbst hat einen großen Anteil daran.
Leider.



*Die Macht der Kränkung, R. Haller.

Freitag, 9. September 2016

Der Schrei

Dies ist die traurige Geschichte eines toten Babys.


Es war im Spätsommer 2007. Ich wohnte damals in Zürich, in Wiedikon, in einem sehr schönen Altbau. Mein Leben war damals traumhaft. Ich hatte einen supertollen Job, zwar wenig Geld, aber diese Wohnung, dieses Viertel, dieser Job, die Kollegen - es war einfach traumhaft schön. Genau so stellte ich mir das gute Leben vor. Kurz zuvor hatte ich mein Studium beendet, mich aus einer belastenden Beziehung getrennt, die Koffer gepackt und war losgezogen. Hinaus in die Welt. Endlich fing der spannende Teil meines Lebens an!

So lebte ich also diesen Sommer 2007 vor mich hin. Im Innenhof, neben meinem Balkon, spielte immer der kleine Bub im Sandkasten. Er war so 2-3 Jahre alt. Seine Familie wohnte über mir. Sehr chicke Leute, mit genug Geld, beide sehr stylisch und offenbar beruflich erfolgreich. Die waren nett, aber wir hatten nicht sehr viel miteinander zu tun. 

Ich hatte nur die Frau mal im Treppenhaus gesehen. Sie hatte bereits wieder nen ziemlichen Kugelbauch und war so eine dieser strahlenden Schwangeren. Was hatten wir allesamt für einen wunderbaren Sommer!

Im Oktober dann hing ein Blatt am schwarzen Brett im Eingangsbereich. Liebevoll gestaltet mit Storch und nem Paar gestrickten Söckchen drangepinnt. Das Baby war also da. Wie schön. Karte gekauft, gratuliert. Mehr aber auch nicht, ich hatte ja nicht allzu viel mit Kindern am Hut zu der Zeit. 

Der Herbst ging, es wurde kalt, mein erstes Jahr in Zürich ging dem Ende zu. Abends hörte ich das Baby manchmal, denn sein Schlafzimmer war direkt über meinem und das in einem Altbau. Aber es störte mich nicht. 

Dann kam diese raue Winternacht. Es war ein Freitag. 

Ein Schrei riss mich aus dem Schlaf. Um etwa 3 Uhr in der Nacht.

Ich stand sofort in meinem Bett. Es war ein so unbarmherziger, so gnadenloser, so schmerzerfüllter Schrei. Es war nicht das Kind, das da schrie. Es war die Mutter.

Ein Schrei, der es absolut unnötig machte nachzufragen, was denn passiert sei. Ein lauter, bitterer, nicht enden wollender Schrei, der dem ganzen Haus sagte: mein Baby ist tot.

Diese Nacht hat alles verändert. Der völlig überforderte Vater zwischen Heulen und dem vergeblichen Versuch, den Erstgeborenen wieder ins Bett zu stecken. Der Krankenwagen, der die inzwischen sedierte Mutter und den toten Säugling wegbrachte. 

Vor meinem inneren Auge sehe ich noch deutlich die Mutter in ihrem hübschen Pyjama, ihr totes Baby fest an sich gedrückt, so dass ihre Knöchel weiß hervor traten. Ich höre noch das klagende Schluchzen, immer und immer wieder über zwei Stunden hinweg 'Mein Baby, mein Baby!'

Ich schrieb eine Karte. Ich sah die Frau nie wieder im Treppenhaus. Ich sah manchmal noch den Vater mit dem kleinen Bub auf dem Arm. 

Das alles hätte nicht passieren dürfen. Dieses perfekte Paar, dieser kleine Bub, diese strahlende Schwangere, und dann plötzlicher Kindstod. Nein, das passte alles nicht zusammen! 

Im darauffolgenden Sommer zog ich nach Schwammendingen.

Ich war damals sehr froh, dass sich die Frage nach Kindern für mich gar nicht stellte. Ich dachte viele Jahre nicht an diese Nacht.




Bei T1 dann, nach der Geburt, die Neointensiv, da kam mir der Gedanke an diese Nacht wieder. T1 war etwas schwach von der langen anstrengenden Geburt und der Krankheit. Sie hatte Atempausen, was bei Neugeborenen im Übrigen ganz physiologisch ist und sehr häufig vorkommt. Viele Eltern bemerken diese Pausen gar nicht, weil sie denken, das Kind sei einfach im Tiefschlaf. 
T1 sollte nach Überwinden ihrer Krankheit weiterhin auf der Neo bleiben, zur Kontrolle. Aber wir nahmen sie gegen ärztlichen Rat mit nach Hause. Neointensiv war zu anstrengend für uns Eltern. 

Diese schwache Phase, diese Atempausen blieben noch bis sie 7 Wochen alt war. Mit ca. 6 Wochen, wir kamen gerade von einem Spaziergang zurück und sie lag in der Kinderwagenbabyschale, da musst ich sie auch einmal 'aufwecken'. Ich hatte, bei meinem sowieso schneeweißen Kind, sofort die gefallene Sättigung gesehen und sie lies sich zum Glück recht schnell zurück holen.

T2 und T3 waren Babys von einem anderen Kaliber. Nicht schwach, nicht so zerbrechlich, irgendwie reifer als T1 nach der Geburt. Bei ihnen hatte und habe ich keine Angst, dass sie plötzlich aufhören zu atmen. Bei T1 hatte ich diese Angst bald auch nicht mehr, denn sie machte bald sehr große Entwicklungssprünge und man konnte bei der Gehirnreifung praktisch zuschauen. Da ich ja gerade mitten in der Promotion über Gehirnentwicklung bei Embryonen war, war ich natürlich auch sehr viel informierter darüber, als andere Mütter. 





Nun wohnt über uns wieder eine kleine Familie. Ein sehr nettes Pärchen, das Baby 2 Wochen älter als T3. Auch sie haben ihr Schlafzimmer über unserem und ich höre das Baby öfter weinen. Dann lächle ich. Die Mutter fragt immer entschuldigend, ob das Geschrei nicht zu laut wäre. Ich beruhige sie immer. Solange das Baby weint ist alles gut. Alles in Ordnung. 

Was ich nicht sage: Ich lächle immer, wenn ich dein Baby weinen höre. Ich bin froh solange das Baby weint. Erst wenn das Baby nicht mehr schreit, dann ist es schlimm. Erst wenn dein Baby nicht mehr schreit, sondern du. Dann ist es schlimm.

Samstag, 27. August 2016

Und es hat klick gemacht.

Seit wenigen Wochen genießen wir in der Familie das Leben wieder.

Es passierte, als das Baby auf 4 Monate zuging. Es machte auf einmal 'klick' und zack hatte jeder seine Rolle gefunden, das Baby war integriert, Ruhe und Gelassenheit kehrten wieder ein.

Wenn ein Baby geboren wird, so kommt vieles durcheinander. Selbst, wenn man als Familie schon einige Babyerfahrung hat. Aber es müssen erstmal kleine Schwestern zu großen Schwestern werden und große Schwestern zu selbstständigen Großkindern und Eltern zu Eltern, die ihre Kinder diese Schritte auch machen lassen und Mütter müssen sich an das vermehrte Gewusel mit mehreren Kindern gewöhnen…

Das alles dauert seine Zeit. Etwa 4 Monate. Bis man als Familie ankommt, sich an einander gewöhnt hat, jeder seine neuen größeren Schuhe eingelaufen hat.

Es dauert ungefähr 4 Monate. Bei uns. Das war bei T1 so und bei T2 und nun auch bei T3.

Diese 4 Monate sind in etwa die Zeitspanne, die es braucht, bis die Erinnerung, wie es ohne Baby war, verblasst und in den Hintergrund tritt. Nach diesen 4 Monaten kann sich niemand mehr vorstellen, wie es ohne Baby war, es kommt den Kindern und den Eltern vor, wie in einem anderen Leben, dass das Baby nicht da war. Kleinkinder können sich gar überhaupt nicht aktiv an die Zeit vor dem Geschwisterchen erinnern.

Ab diesem Moment gehört das Baby voll und ganz zur Familie.

Und auch bei mir hat es klick gemacht. In den ersten Wochen war es durchaus schwer für mich, den Überblick zu behalten, weil wirklich permanent mindestens ein Kind nach Mama geschrien hat. Und auf einmal alle die gleiche Dringlichkeit einforderten. Da schwirrte mir der Kopf.

Aber nun, hat sich das gelegt. Einfach so. Ich wachte morgens auf und die Ruhe war wieder da, die Harmonie, die Gelassenheit. Aus dem wabernden Nebel hatte sich vor meinem inneren Auge auf einmal wieder ein klares Bild geformt von jedem meiner Kinder. Ich sah auf einmal wieder jedes Kind einzeln für sich in seinem momentanen Entwicklungszustand und konnte wieder abgrenzen, einschätzen, gezielt reagieren.

Und seither gibt es keinen Streit mehr, keine Dramen - kleine Eifersüchteleien zwar - aber nichts Erwähnenswertes. Es ist jetzt einfach wieder gut. Wir sind jetzt wieder eine Familie, eine Einheit, so wie wir es vor T3 waren, ein eingespieltes Team.

Und das tut so unendlich gut.

Seither bin ich wieder ruhig, kann Streitigkeiten vermeiden, hab Zeit und Aufmerksamkeit für jedes Kind.

Ich genieße das. Es ist wunderbar. Wenn auch immer noch anstrengend, denn drei Kinder bedeuten nunmal, dass man kaum eine ruhige Minute mehr hat. Es gibt immer unendlich viel zu tun, wenn die Kinder nicht da sind und natürlich keine ruhige Minute, wenn wir zusammen sind. Ich hab immerzu ein Kind auf dem Arm, dem Schoß, neben mir liegen… Aber ich kann die Große wieder in Ruhe lassen und auch mal Fünfe gerade sein lassen, weil sich die Unordnung in meinem Kopf gelichtet hat. Ich muss weniger ermahnen und das macht viel aus bei den Kindern.

Aber ich bin froh und glücklich und dankbar, dass wir jetzt wieder so eine Einheit sind. Die großen Schwestern lieben ihre kleine Babyschwester und kümmern sich rührend. Auch weil sie nun merken wie unendlich T3 sie anhimmelt und wie sehr T3 die beiden liebt. Das hat die Großen vielleicht auch etwas überrascht, dass ein Baby nicht nur Teilen bedeutet, sondern auch Bewunderung und Anerkennung. Es ist die ganz große Liebe und zumindest T1 hat begriffen, dass sie nun ein noch stärkeres Schwestern-Team werden, je größer T3 wird. Die drei passen aber auch wirklich gut zusammen - charakterlich und von ihrer Erlebniswelt her.

Die schwerste Zeit hatte sicherlich T2, denn sie musste mal eben von der kleinen zur großen Schwester werden, die paar wichtigen Schritte vom Kita- zum Kindergartenkind machen und sehr viel selbstständiger und vor allem eigenständiger werden. Sie hat das sehr gut gemeistert.

Jetzt bin ich aber froh, dass wir ein paar große Schritte zusammen gemacht haben. Die vielen kleine Schritte, die ja ständig in der Entwicklung kommen, können uns nun nicht mehr aufhalten.

Das Wichtigste ist dennoch, dass all der Stress und die Unstrukturiertheit, die ein Baby erstmal mit sich bringt, was die alte Ordnung durcheinander bringt, dass ich das nun wieder geordnet habe. Ich bin nun sehr gern mit allen drei Kindern zusammen und selbst samstags allein mit den Kindern einkaufen, oder sonntags mit 3 Kleinen allein ins Freibad bedeuten nun gar keinen Stress mehr für mich.

Freitag, 26. August 2016

Die Ausnahmeerscheinung

Das bin ich - eine Ausnahmeerscheinung.

Mal ernsthaft, ich hab dieses Hormonding einfach nicht. Und so bin ich auch nicht dieser totale Bemutterungstyp. Ich persönlich finde das extrem gut. Ich neige zum Pragmatismus. Mein Verstand regelt den Rest. Wer nicht so emotional ist, der kann sich darauf konzentrieren, praktische einfache Wege zu finden. 
Mein Alltag ist also ziemlich unkompliziert und so unanstrengend, wie nur möglich.
Und ich hab auch nach eingehender Suche dieses schlechte Gewissen nicht gefunden. Darum ist es auch für mich relativ easy mit 3 Kindern. 

Wenn eines weint - auch das Baby - so hab ich nicht das geringste Problem, wenn jemand anders das Trösten übernimmt. Die Oma, oder der Papa oder so. Ich mach das nur, wenn kein anderer zur Verfügung steht. Ist ja oft genug der Fall.

Genauso freue ich mich auf den ersten Kita-Tag des Babys in 2 Wochen. Ich merke, wie wir die kritische Zeit erreicht haben. Mama ist langweilig. Ich muss die ganze Zeit um sie rumkaspern, wenn die Großen im Kindergarten sind. Das ist doof für uns beide. Und wenn sie endlich in der Kita ist, hat T3 die Action, die sie sich wünscht und ich hab Zeit für mich. Ich müsste sie nicht jetzt schon mit knapp 5 Monaten dahin bringen. Aber ich sehe nicht, was mich aufhalten sollte, wenn es für uns beide eine Win-win-Situation ist. Ebenso wie bei der Kombination aus Flasche/Brust, Tragetuch/Kinderwagen etc.

Wenn ich sehe, etwas funktioniert super, dann komm ich gar nicht auf die Idee, das zu hinterfragen, ob das jetzt auch richtig oder gut für's Kind ist. Das Kind meldet sich schon von selbst, wenn ihm was nicht passt. Und wenn sich was ändert und es nicht mehr passt, dann wird eben etwas verändert. Ist ja alles immer abhängig von irgendwelchen Entwicklungsphasen…

Jedenfalls genau das ist der Pragmatismus, den ich kultiviere. Und wie mich zunehmend irritiert, warum andere ein derart aufgeblasenes Gedöns um einfach alles machen, sind die genervt von mir. Mit mir kann man nicht reden. Wenn mich nämlich jemand fragt, wie ich das mache mit 3 Kindern, ob die Kinder durchschlafen, oder wie das mit Essen/Duschen/Anziehen klappt, dann hab ich offensichtlich immer die falschen Antworten parat. 
Will ja keiner hören, dass man den Baby einfach abends ne große Flasche gibt und es dann 6-8 Stunden schläft. Und nein, ich hab keinerlei Erfahrungen mit Koliken, weil meine Kinder nicht dazu neigen und ich außerdem von Geburt an Flaschenmilch mit Probiotika gebe und damit die Besiedlung der Darmschleimhaut künstlich beschleunige. Dann funktioniert die Verdauung des Babys halt schon nach 4 Tagen super und braucht keine 3 Monate. 

Ja, ich kenne eine Menge Tricks und Kniffe, die das Leben einer Mutter sehr leicht machen. Diese Kniffe funktionieren bei meinen Kindern. Bei anderen Kindern vielleicht nicht, aber man muss halt auch mal einige Sachen ausprobieren, um herauszufinden, was geht und was nicht. 

Ich bin extrem liebevoll und emphatisch mit meinen Kindern, aber ich mache generell nicht viel Aufhebens und nehme nicht alles so unglaublich wichtig und persönlich. Das spart Zeit und Kraft. Es ist mein Weg. Dass ich dafür oft auch noch angegriffen werde, sagt mir, dass andere sich diese Vereinfachungen wohl auch wünschen, aber aus irgendwelchen Gründen nicht ausprobieren wollen oder können, wie man sich das Leben leicht macht. 

Der erste Schritt wäre wohl, nicht immer alles in Bezug auf die Kinder als Problem zu sehen. 
Mir ist es generell egal, wie andere das machen. Aber mich angreifen, weil ich das Baby in die Kita bring und dann jammern, wie anstrengend das mit Baby doch ist… Da hab ich einfach kein Verständnis für. 

Auch gestern auf dem Spielplatz wurde ich angeschnauzt. Eine Mutter versuchte ihre Kinder einzupacken und nach Hause zu gehen, weil es ja ein richtiges Abendessen gebe müsse und sie diskutierte auch noch mit ihnen über Blumenkohl oder Möhren. Die Kinder wollten weder heim, noch Gemüse. 
Ich hatte meinen einfach je ein großes Gläschen Obstbrei mit Strohhalm geben, das sie genüsslich aussaugten. Eine Banane hinterher und Kekse. Reicht für mich als Abendessen. Und wir können noch etwas länger auf dem Spielplatz bleiben. 
Und da mault mich diese andere Mutter an, dass das ja keine Art sei, seine Kinder mit Gläschen abzufüllen. Ob ich das immer so mache? 
Ja, ich mach das immer so, denn die Kinder essen was halbwegs gesundes, sind satt und glücklich, können weiter spielen und alle sind zufrieden. Und nein, ich mach kein riesen Gedöns ums Kochen und ich provoziere auch kein Geschrei, weil ich jetzt unbedingt Heim muss, um den Kindern Gemüse zu kochen, das sie nicht essen werden.

Ich möchte eigentlich lieber von anderen Müttern in Ruhe gelassen werden, wenn sie ihre eigenen Probleme und ihren Frust an mir auslassen, weil ich eben kein Problem mit Dingen in Bezug auf Kinder hab, die man offensichtlich auf eine ganz bestimmte Weise zu machen hat. Ich mach wie ich will. Wer das nicht macht - hey kein Problem. Ist mir egal. Aber Mütter, die mich dann anmachen, da hab ich echt keine Lust drauf. 

Und diese Maulereien passieren mir zur Zeit echt häufig. Sobald ich ein Gläschen, ein Milchfläschchen auspacke, die Kinder erst etwas später vom Kindergarten abhole etc… Es geht mir so auf die Nerven.

Wer nichts Nettes zu sagen hat, der soll vielleicht lieber mal den Mund ganz halten. Das gilt auch für Mütter.

Mittwoch, 10. August 2016

Über die veganen Lemminge

 Wie ich ein Gespräch mit einer Mutter abbrach, die ihr Kind vegan aufzieht.



Jaja, ich weiß, das ist ein heikles Thema. Es war so: Das Kind ass Saltimbocca. Genauer, es ass wahrscheinlich Sojaschnitzel, umwickelt mit irgendwas wie veganem Speck. Mein Kind wollte das auch und ich fragte die Mutter, wo es das gäbe. Da erklärte sie mir die Welt aus Veganersicht. Oder vielmehr aus Pseudoveganer Sicht.

Nun bin ich ja nicht Veganer, kann also nicht unbedingt voll autentisch über veganes Essen reden. Ich esse manchmal vegan, denn da gibt es leckere Rezepte und generell esse ich viel Gemüse und nicht zwingend Fleisch. Mehr aber auch nicht.

Was mich an diesem Vegantrend so irritiert ist, dass es für mich so eine Art Möchtegern-Veganismus ist.

Ich erkläre das mal:
Würde ich vegan leben wollen, so würde ich mir Gedanken machen müssen über mein Essen. Nicht einfach, wo kommt es her? Wie hat es gelebt? Sondern, was ist da drin? An Nährstoffen? Was braucht mein Körper, um Gesund zu bleiben?
Aber aus rein physiologischen Gründen verzichtet kaum jemand auf Fleisch.

Ein Veganer verzichtet aus humanistischen Gründen, aus Empathie zur Kreatur, nicht einfach wegen seiner eigenen Gesundheit. Veganismus ist keine egozentrische Ausprägung einer Lebensform, sondern rührt aus dem Gegenteil, dem Verzicht auf Kosten anderer zu leben.

Ein veganes Saltimbocca ist darum für mich schlicht Blödsinn. Nein, ich verstehe nicht, weshalb es Wurst-, Käse-, Fleischimmitate gibt. Wer Fleisch essen will, soll das tun, wer auf Fleisch verzichten will, der soll das tun. Fleischimmitat aus dem Supermarkt an der Ecke ist etwas für Möchtegern-Veganer. Verzichten ohne Verzicht. Also eigentlich kein Verzicht, sondern eine Bestärkung der Konsumhaltung, keine Reflexion.

Denn Fleischimmitat macht einen nicht zu einem guten Menschen. Im Gegenteil, Fleischimmitat verwässert den veganen Gedanken aus Respekt keine tierischen Produkte zu verwenden. Bei Fleischimmitat wird der humanistische Gedanke schlicht durch Egozentrik ersetzt. Man macht das für sich, nicht wegen des Tieres.

Es ist schlicht ein Trend, wie bei den Light-Produkten: Schokolade fressen wollen, aber die Kalorien nicht. Kann man machen, wenn man sich der Erkenntnis verschliesst: Schokolade ist Schokolade, aus Milch, Zucker und Kakao. Es ist nunmal so.

Beim Schnitzel ist es genauso. Schnitzel ist nunmal Schnitzel. Und ein Döner ist ein Döner. Ein altes traditionelles Essen, das Fleisch beinhaltet. Es ist ein Stück Kultur. Mir erschliesst sich der Sinn eines veganen Döners nicht. Klar kann man andere Sachen auf ein Fladenbrot tun und das schmeckt super. Aber es ist halt kein Döner.

Wenn ich also entscheide auf etwas zu verzichten, dann liegt für meine Persönlichkeit die Betonung auf dem Verzicht, nicht auf der Sache, auf die ich am Ende verzichte. Ich treffe eine Entscheidung für oder gegen den Verzicht. Und zwar im besten Fall aus wohlüberlegten Gründen.

Fleischimmitat jedoch führt dazu, dass 20% Veganer (die sich aus Respekt gegenüber dem Tier) für den Verzicht entscheiden und auch generell eine respektvoll ausgerichtete Lebensweise haben, dann 80% Möchtegern-Veganer gegenüber stehen, denen die Tiere im Grunde egal sind, weil sie sich eh aus egoistischen Gründen für veganes Essen entscheiden. Diese Menschen setzen sich nicht für eine Verbesserung der Tierhaltung ein, sondern sehen bewusst weg – mit gutem Gewissen.

Diese Menschen machen sich keine Gedanken über ihre Lebensweise, über Humanismus oder eine Verbesserung der Gesellschaft. Diese Menschen wollen schlicht weiter blödsinnig konsumieren ohne sich überhaupt Gedanken zu machen. Es gibt keine Auseinandersetzung, keine Reflexion, man will sich als guter Mensch fühlen, ohne einer sein zu wollen. Total absurd.

Gleichzeitig kämpfen aber Veganer für eine Verbesserung der Welt nach ihren Vorstellungen. Wäre ich Veganer, mich würde dieser blöde Supermarktveganismus aufregen, denn eine Bewegung, die von Möchtegernbewegten unterlaufen ist, verliert an Schwung und Überzeugungskraft. Wenn nur jeder 5. authentisch argumentieren kann, wie soll man denn mit den 80% träger Masse etwas bewegen, neue Anhänger für die Sache gewinnen?
Es ist Verblödungskonsum auf einem neuen, höheren Level. Mehr nicht. Und Wurstimmitat ist noch nichtmal gesünder.


Und da kommt wieder die Mutter ins Spiel, die ihrem Kind veganes Salitmbocca serviert. Ich finde das falsch.

Es ist wie mit der religiösen Erziehung.
Erklärt man es gut, bindet es ins täglische Leben so ein, dass man nach religiösen Regeln authentisch lebt, LEBT man seine Religion, so kann sie Halt und Sicherheit und Gemeinschaft geben und das Leben verbessern – auch das des Kindes.

Konsumiert man Religion, entwickelt das Kind keinen Glauben, der es trägt, sondern lernt nur die Konsumhaltung. Das ist das Gegenteil von Aufklärung und Humanismus und Reflexion und wird zurecht in der Kindererziehung scharf kritisiert. Veganismuskonsum ist aus dem gleichen Grund ebenso scharf zu kritisieren.

Entscheidet sich ein Mensch für eine Lebensweise, hat er seine Gründe. Einem Kind, das zum Konsum, nicht zur Reflexion und Entscheidungsfähigkeit erzogen wird, nimmt man die Wahl. Ich finde das falsch.

Denn es ist eben so. Saltimbocca ist nunmal aus Fleisch. Veganes Saltimbocca gibt es nicht. Das muss man dem Kind sagen. Man kann einem Kind auch ein veganes Gericht kochen, ohne ihm Immitate als etwas Echtes zu verkaufen, denn ein Kind ist auf die Erwachsenen angewiesen, die es auf diesen Unterschied hinweisen. Ein Kind hält zunächst alles in seiner Umgebung für echt.

Abgesehen davon muss man auch immer wieder erwähnen, dass Milliarden Menschen auf dieser Welt vegetarisch und nahezu vegan leben, aus religiösen Gründen, oder weil es eben nicht oft Fleisch gibt – strukturell bedingt. Nur wir im reichen Westen schaffen es, daraus eine Möchtegern-Trend-Lebensweise zu machen.
Das Gute ist aber, wenn Milliarden Menschen seit jeher ohne (viel) tierische Produkte auskommen, so konnten sich unzählige traditionelle Rezepte für jeden Geschmack entwickeln. Vorwiegend mit Gemüse, nicht mit Seitan. Aber um diese kennen zu lernen muss man sich natürlich für andere interessieren, nicht nur für sich selbst.

Schade, dass manche Menschen das verpassen.


Wirklich erschreckend finde ich aber die höchst bedenkliche Entwicklung des Guten-Lebens-Trendes. Es ist tatsächlich ein lähmendes Pseudo-Gutestun, die Kreation eines guten Gewissens durch Wegschauen, was jegliche Entwicklung zu einem Besseren Leben im Keim erstickt. Wer keinen Grund hat, etwas zu Verbessern, der wird nicht auf die Idee kommen für eine Idee oder eine konkrete Sache zu kämpfen.