Sonntag, 5. März 2017

Des isch mir wurscht!

Ich möchte heute mal einen, auf den ersten Blick furchtbaren, aber auf den zweiten Blick ganz wunderbaren Gedanken formulieren.

Als Kind gab ich diesen Satz sehr oft von mir, in breitestem Schwäbisch:
‚Des isch mir wurscht!’
Ich lies das aber nie so stehen, sondern ergänzte und formulierte einen Gedanken, der sehr treffend das Thema meines Posts auf den Punkt bringt:
‚Des isch mir wurscht – Wurscht wie Käs, aber Käs mog i net!’

Falls ich meine treuen Leser bis hierher verwirrt habe – Entschuldigung.

Ich möchte über folgendes schreiben:
Was braucht es zu einem gelingenden Leben?

Konkreter, was braucht mein Kind von mir, damit es das Rüstzeug hat, aus seinem Leben ein gelingendes Leben zu machen? Und was brauchen wir für eine gelingende Mutter-Kind-Beziehung?

Das ist ein allumfassendes Thema, ich weiß. Ich könnte mich fragen, was denn ‚gelindes Leben’ eigentlich meint? Ich könnte über mein Leben schreiben, was ich als mein gelingedes Leben, eine gelingende Beziehung definiere. Ich könnte über Erziehung schreiben.

Ich komme aber über einen anderen Umweg auf die obrige Frage – inwiefern tragen all die Sachen, Handlungen, Entscheidungen die man heute so machen und treffen muss dazu bei, dass mein Kind später von sich sagen kann: mein Leben ist gut und gelungen und befriedigend? Und was muss ich tun oder vermeiden, damit wir beide sagen können, wir hätten eine gelungene Beziehung zu einander?

Auslöser sind all die Imperative, die mich ja schon so oft aufgeregt haben. Als Schwangere – tu dies und jenes unbedingt/auf keinen Fall, als Mutter – Stille, Trage, behandle dein Baby soundso, ernähre es soundso, kommuniziere soundso...

All diese furchtbaren Imperative, Handlungsanweisungen, persönlichen Ratschläge. Ich hasse sie von ganzem Herzen! All diese ideologisch verbrämten Do’s and Don’ts. Zum Teufel damit! Sollen sie den Besserwissern im Halse stecken bleiben!

Und das sage ich nicht, weil ich ach so eigenwillig bin, oder weil ich nicht differenzieren kann und mir manchmal Menschen konkret auf den Keks gehen. Ich habe einen echten, nachvollziehbaren Grund gefunden, das so drastisch zu formulieren. Und dieser Grund lautet:

Es ist wurscht, was wir als Eltern – konkreter als Mütter – für einzelne Kleinigkeiten für unser Kind tun.
Das klingt wie gesagt auf den ersten Blick schrecklich, aber denken wir mal genau darüber nach.
Eine halbwegs gesunde Ernährung und Lebensweise während der Schwangerschaft ist zu befürworten, denn es erhöht die Wahrscheinlichkeit des Kindes, möglichst kräftig und gesund zur Welt zu kommen. Gesundheit ist ein sehr gutes Argument. Aber ob ich z.B. eine stressige Situation habe in diesen 9 Monaten, mal eine Nachspeisse mit Alkohol esse, oder zum Schwangerenyoga gehe, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind am Ende seines Lebens sagen kann: das hat mit beigetragen zu meinem gelungenen Leben?
Eigentlich ist das doch ghopft wie gsprungen.

Dann die Geburt. Ob vaginal oder Kaiserschnitt, ob mit oder ohne Schmerzmittel – das beeinflusst höchstens mich selbst sagen zu können, diese Erfahrung trägt mit zu meinem gelingendes Leben bei. Aber wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind am Ende seines Lebens sagen kann: das hat mit beigetragen zu meinem gelungenen Leben?
Eigentlich ist das doch ghopft wie gsprungen.

Dann das Stillen. Stillen hat Vor- und Nachteile. Fläschchen haben Vor- und Nachteile. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand im Alter sagt: mein Leben ist nicht befriedigend verlaufen, weil mich meine Mutter nicht gestillt hat, oder mit 6 Monaten abgestillt hat, oder 3 Jahre gestillt hat...
Eigentlich ist das doch ghopft wie gsprungen.

Dann die Beikost. Mal ernsthaft, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind am Ende seines Lebens sagen kann: das hat mit beigetragen zu meinem gelungenen Leben?
Eigentlich ist das doch ghopft wie gsprungen.

Stadt oder Land. Kita oder nicht. Ganztag oder Halbtag. Tragen oder Kinderwagen. Eigenes Zimmer oder Familienbett. Das ist doch ghopft wie gsprungen! Es ist doch völlig wurscht!

Denn all diese Sachen sind ja nicht das Entscheidende. Wichtig ist doch allein die Frage, ob ich zu meinem Kind eine gelungene persönliche Beziehung aufbauen und aufrecht erhalten kann. Wie ich das mache, ist doch im Grunde egal.

Diese Einzelentscheidungen haben ja gar keinen Einfluss darauf, ob mein Kind je ein für sich gutes Leben leben wird.

Der erste Einwand wird sein, dass all diese ach so empathischen Methoden ja förderlich sind für eine gelunge Mutter-Kind-Bindung. Äh, da entgegne ich ein klares JEIN.

Jein deswegen, weil einerseits das Kind möglichst gewaltfrei, möglichst liebevoll und zugewandt, möglichst mit der Erfahrung von Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit aufwachsen soll.
Aber eben auch jein, weil diese erbitterten Kämpfe um ‚Das darfst du und das nicht!’ und ‚Stillen ist aber das beste für dein Kind!’ und ‚Ein Baby gehört nach Hause zur Mutter.’ ausgetragen werden auf der Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit der Mutter. Und das macht die Mutter unzufrieden, manchmal gar unglücklich und trägt so gar nicht zu einer reziproken gelungenen Mutter-Kind-Beziehung bei. Und ist es nicht auch kaum möglich dem Kind Selbstbestimmung zuzugestehen und ihm diese Erfahrung zu ermöglichen, wenn man selbst nicht als authentisches Vorbild dienen kann, weil man gefangen ist im Dschungel des Alles-richtig-machen-Mütter-Wettbewerbs?

Ich halte das für einen wesentlichen Punkt, dass die Selbstbestimmung des Kindes nicht auf Kosten der Selbstbestimmung der engen Bezugspersonen gehen darf.

Der zweite Einwand wird wohl eben ein Aufschrei all der Mütter sein, die sich täglich den Arsch aufreissen, um das allerallerbeste für ihr Kind zu tun. Dass all das eigentlich völlig wurscht sein soll, die Quälerei durch die Anfangszeit des Stillens, das Lesen all der Literatur, das Durchkämpfen durch all die Unsicherheiten, wie man denn jetzt das Kind am besten erzieht, oder nicht erzieht – das kann, das darf doch nicht einfach alles egal sein!

Da würde ich antworten: Es ist wurscht, aber nicht egal. Wie mit der Wurscht und Käs.
Vielleicht ist für mich persönlich nicht egal. Vielleicht ist es wurscht auf das gesamte Leben meines Kindes gesehen, ob und wie lange ich stille. Aber vielleicht ist es für mich, meine Art eine Bindung zu meinem Kind aufzubauen, die körperliche Verbindung nach der Geburt nicht abreißen zu lassen, vielleicht ist das für mich als Mutter nicht egal.

Und das führt mich direkt zu dem tieferen Blick auf diesen Gedanken: wenn es im Grunde für das Leben des Kindes wurscht ist, ob und wie viel ich stille – stellt Euch das mal vor – dann könnte ich tatsächlich mein Baby stillen, einfach weil ICH Bock drauf hab! Und wenn mir das Stillen Schmerzen bereitet, dann könnte ICH völlig schmerzfrei und entspannt und ohne schlechtes Gewissen meinem Baby die Flasche geben. Oder stellt euch vor, die Ärzte raten zu einen Kaiserschnitt und ich könnte das annehmen, weil da gar nix falsch dran wäre und ich würde mir keine weiteren Gedanken machen müssen, ob ich nun richtig geboren habe, sondern könnte verzückt mein Baby anglotzen, den ganzen Tag lang.

Wenn dieser Kleinkram, diese Einzelentscheidungen im Grunde völlig wurscht wären, dann stellt Euch mal vor, wie Selbstbestimmt ich die Beziehung zu meinem Kind gestalten könnte und wie gut ich vielleicht seine Selbstbestimmungsmöglichkeiten erkennen und dem Kind das auch von Herzen gönnen könnte. Stellt Euch vor, allein diese Freiheit in der gegenseitigen Bindung von Mutter und Kind könnte einen echten Unterschied ausmachen, das mein Kind sein Leben als ein gelungenes, ein gelingendes Leben erlebt. Und stellt Euch vor, dass ich dadurch mein eigenes Leben als Gelingendes erfahren würde und nicht nur von einer Gängelei zur nächsten hetzen müsste.


Zum Schluss möchte ich natürlich anfügen, dass ich, wie viele andere kluge Köpfe, bewusst von GELINGEN, nicht von GLÜCK spreche. Glück ist für mich ein zeitlich begrenzter Zustand. Ein gelingendes Leben beinhaltet für mich eine Gesamtübersicht und Bewertung der sinnstiftenden und sinnhaften Erfahrungen. Beziehungen zum Beispiel sollten für mich nicht primär glücklich sein, sondern vor allem gelungen.

Und ich möchte ergänzen, dass ich es fatal finde, dass Mütter, meist im persönlichen Gespräch, in diese Grabenkämpfe der Einzelentscheidungen verwickelt werden. Der Fokus kann so kaum auf das große Ganze gelegt werden. Es ist eine permanente Nabelschau, ein Aufblasen von Kleinigkeiten zu lebensentscheidenden Fragen, die wahnsinnigen Stress erzeugen kann. Die Mütter selbst geraten so aus dem Blickfeld und geben dadurch eben ihre Selbstbestimmung auf, werden gar dazu genötigt.

Diese systematische Indoktrinierung, das beste für das Kind zu tun, ist in meinen Augen vor allem eine Machtkonsolidierung der betreffenden Personen, die es ja meist ach so gut meinen. Aber wo Systematik dahinter steckt, geht es niemals um individuelle Freiheiten und Unterschiede, sondern nur darum, wer wem zu sagen hat, was richtig und was falsch ist, gern in Verbindung mit 'das haben Studien gezeigt' ohne jegliche relative Einordnung oder mit der Moralkeule. Ich finde das scheisse!

Mittwoch, 1. Februar 2017

Die Kinder zu erziehen hat doch eh keinen Wert

In mir hallt etwas nach, etwas, das sich erst jetzt in klare Gedanken auflöst.

Es geht um das mal immer wieder mehr oder weniger diskutierte Thema Erziehung.

Es gibt ja eine manchmal heftig geführte Diskussion darüber, ob man gleich alle Erziehung im klassischen Sinne weglassen solle, ob man moderat (z.B. Tischmanieren) erziehen, oder gezielt mit Erziehung das Kind nach den Bedürfnissen der Eltern formen solle (z.B. beim Schlafenlernen).

Die wenigsten Eltern praktizieren wohl das Konzept 'unerzogen', bei dem v.a. die intrinsische Motivation der Kinder gefördert werden soll, sich im Rahmen ihrer eigenen Bedürfnisse sozial- und elternverträglich zu verhalten. 

Die wohl meisten Menschen lassen ihren Kindern viele Freiheiten, aber haben zu Hause von den Eltern festgelegte Regeln, wie Tischmanieren, Schlafenszeiten, Aufräumgewohnheiten, Mediennutzung etc. Zu diesen Eltern gehöre ich auch. Wir haben ne Menge fester Regeln, die weniger den Kindern als vielmehr mir persönlich das Zusammenleben und Ertragen der kindlichen Flausen erleichtert. Es ist eine extrinsische Kontrolle über das Familienleben, wonach alle an einem Kompromiss teilhaben müssen, damit jeder so seine Freiräume nutzen kann.

Zu guter Letzt mag es auch Eltern geben, die ihre Kinder gezielt formen, z.B. im religiösen oder leistungsgesellschaftlichen Sinn, oder aber weil sie nicht den Nerv dafür haben permanent auf das Kind einzugehen. 


Was mich nun beschäftigt an diesem Thema ist keineswegs die Frage, was davon jetzt richtig und falsch ist. Ich halte diese Frage sogar für absolut sinnbefreit und unlogisch. Mich interessiert etwas anderes:

Welcher Wert wird der Erziehung per se eigentlich heute zugeschrieben?

Und zwar ganz konkret im Kontext moderner Elternschaft, wo Frauen versuchen Familie und Beruf zu vereinbaren und Männer beschworen werden 'neue Väter' zu sein.

Der Wert der Erziehung hängt für mich nämlich sehr eng mit der Rollenverteilung innerhalb der Familie zusammen und mit dem freiwilligen und/oder erzwungenen Engagement jeden Elternteils in der Familie.

Wir sind uns alle einig, dass die neudeutsch genannte 'Care-Arbeit', meist unbezahlt und von Müttern geleistet, mit wenig Wert bemessen wird. Sie bringt keine Quartalsbilanz, kein Lob, keine Aufstiegsmöglichkeiten - ist also in einer Leistungsgesellschaft tatsächlich als wertlos konnotiert. Gleichzeitig ist es harte körperliche und psychische Arbeit, sehr zeitintensiv, sehr emotional und immer fordernd. 
Zurecht wird das beklagt und ein gesellschaftlicher Wandel des Blickes auf Familienarbeit gefordert.

Dass sich daran aber nichts, bzw. nur quälend langsam etwas ändert, liegt meines Erachtens nicht daran, dass die Forderungen zu selten wiederholt oder zu leise vorgetragen werden. Ich denke, es hat auch viel mit zwei neuen Strömungen zu tun: den neuen Vätern und demokratischen antiautoritären Erziehungsmoden unserer Zeit.

Beides wertet nicht etwa automatisch die Erziehungsarbeit auf, sondern entwertet sie eher.
Warum?

Ich persönlich halte 'die neuen Väter' für ein falsches Konstrukt, ein falsches Ziel. J.König geht in vielen seiner Texte darauf ein und beklagt, dass das Vatersein etwas Freiwilliges zu sein scheint, währen das Muttersein nunmal ein Zwang ist. Die Mutter übernimmt gezwungener Maßen die Aufgaben in der Familie, die der Vater nicht freiwillig machen mag oder schlicht nicht macht.

So gilt heute als neuer Vater, wer bei nem kleinen Baby die Pipiwindel wechselt. Das strampelnde Kleinkind, dass sich bis zu Hals eingeschissen hat, darf aber die Mama wickeln. Großzügigerweise. Die wenigen 2 Vätermonate, die von manchem genommen werden, tragen nicht zur Gleichberechtigung bei, sondern zementieren die Rollenverteilung eher. Denn wenn Papa das 1jähige Kind übernimmt, so hat meist die Mutter zuvor 1 ganzes Jahr lang mit Baby zu Hause gesessen, sich die Nächte um die Ohren gehauen, um sogleich in Teilzeit wieder arbeiten gehen zu dürfen mit ihren kleidsamen Augenringen. Und Papa ist der Held, wenn er ein Kleinkind übernimmt, dass schon eine Menge an Regeln gelernt und Entwicklungsschritten hinter sich hat. 
Auch das Baby mal sonntags im Manduca durch die Gegend tragen ist eine schlechte Hilfe. Als Retter in der Not heldenhaft der Mami mal zu nem Nickerchen am Wochenende zu verhelfen, signalisiert nur: Ich bin sonntags mal gewillt für 2 Stunden meine Zeit zu investieren und partnerschaftlich Hilfe anzubieten. Ich finde, dieses Verhalten zementiert die abschätzige Wertigkeit der Familienarbeit, indem sie die Hauptfamilienarbeit leistende Person in völlige Abhängigkeit und Wohlwollen des Partners befördert. Mami kann ja froh sein, wenn sich Papa mal zum Mithelfen anbietet. 

Gefährlich dabei finde ich zwei Punkte: Zum einen demonstrieren diese neuen Väter nach außen ein Bild von Partnerschaftlichkeit, leben aber in der Realität ein Leben, bei dem die Familienarbeit in der Prioritätenliste ganz klar unter der Erwerbsarbeit, manchmal sogar unter sonstigen privaten Interessen, angesiedelt ist. Gefährlich dabei ist nicht die Prioritätenverteilung auf der Liste, sondern dass Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Es ist eine schiere Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Das schließe ich nicht daraus, dass sich Väter nicht wünschen würden, sich mehr um die Familie zu kümmern. Das mag durchaus der Fall sein. Allein, sie tun es nicht, obwohl sie es könnten. Der einzige Grund dafür wird angegeben mit: Aber einer muss doch das Geld verdienen. 
Jein. Denn leider werden die Mütter nicht gefragt, ob sie zu Hause bleiben wollen, ob sie nachts aufstehen wollen. Die Mütter machen das, weil es sonst niemand macht und einer muss es ja tun. Nicht, dass sie es nicht gern täten. Aber wie viele Väter schlafen nachts, weil sie morgens zum Job müssen und darum fit sein müssen? Wie viele Väter sagen: Dein Job ist es morgen ausgeruht und entspannt den Tag mit unserem Kind zu verbringen, also schlaf du doch, meine Liebste?

Allein, dass die Mutter ja nachts aufstehen kann, weil sie morgens ja nicht zum Job muss, oder nur nen unwichtigen Halbtagsjob hat, dass sie ja gleich noch Putzen und Kochen und Einkaufen kann, wo sich doch eh schon zu Hause ist, ist eine deutlich ausgesprochene Entwertung an die Leistung und Qualifikation der Kinder betreuenden Person. Es sagt schlicht: Deine Arbeit ist nix wert, du bist Dreck und darum kannst du die andere anfallende Drecksarbeit auch gleich noch mit erledigen. Dazu kommt, dass die übermüdete Mutter natürlich in Stress gerät ob all dieser zeitraubenden, anstrengenden Arbeit, genervt reagiert und ihr Lob dann ein schreiendes Kind ist, das sich nicht verstanden fühlt und natürlich das größte Geschrei veranstaltet. 

Welcher Mann würde nicht für umme eine Sisyphusarbeit machen, sich vom Partner permanent entwerten lassen und als Belohnung ein 'Du blöder Papa, ich will lieber zur Mama, die ist viel lieber als du!' hören wollen? 
Also mir ist er ansteigende Frust der Mütter ein echtes Rätsel! Tssss...


Der zweite gefährliche Punkt ist für mich die falsch interpretierte antiautoritäre Erziehung, Individualisierung und Überbewertung der Kinder auf Kosten der Mütter.

Die Kinder sollen heute bedürfnisorientiert aufwachsen, selbstbestimmt, voller Geborgenheit und Empathie. Sie sollen Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. 

Das ist auch soweit alles schön und gut und klingt toll. Aber diese Erziehung kostet. Sie geht auf die Kosten der Eltern - konkret auf die Kosten der Mütter. Die Bedürfnisorientierung wird nämlich meist eher an den Bedürfnissen des Kindes, nicht an denen der Mutter gemessen. Ihre Selbstbestimmtheit geht dabei in vielerlei Hinsicht flöten.

Mama soll voll stillen, bedarfsorientiert. Will sie nachts schlafen, hat sie Pech gehabt. Dass der Vater einfach mal nachts eine Flasche gibt, wird ja direkt ab Geburt ausgeschlossen und mit Androhung von Saugverwirrung im Keim erstickt. Das Kind später mit Brei abfüttern geht natürlich auch nicht. Man bereite doch bitte dem Baby breifreie Kost und putze jedesmal hinterher den Esszimmerboden. Die Rückenschmerzen vom Tragen und Stillen ignoriere man doch bitte, wer den Kinderwagen nimmt verliert...
Es gibt unzählige solche Punkte, bei denen die Mutter zum Wohle des Kindes alles mögliche zu ertragen hat. Will das Kind nicht um 20 Uhr ins Bett, weil es selbstbestimmt noch rumhüpft? Tja Pech, Feierabend ist heut nicht für Mama. Will das Kind nachts nicht schlafen, weil es eben noch keinen richtigen Rhythmus hat, Mama aber am nächsten morgen zur Arbeit muss? Tja Mama, das musst du ertragen ohne deinem Kind das Schlafen anzutrainieren. Das könnte dem Kind nämlich schaden! Ach, es schadet aber dir? Tja Mama, das ist natürlich blöd. Vielleicht ist der Vater ja so nett und geht mit dem Kleinen am Sonntag aufn Spielplatz, damit du dich kurz hinlegen kannst. Vielleicht könntest du aber auch in der Zeit die Wäsche zusammen legen. Kommst du doch sonst auch nicht dazu...


Ok, das war jetzt natürlich überspitzt und zynisch, aber es gar nicht so weit entfernt von den Realitäten vieler Mütter.

Um das ganze System halbwegs am Laufen zu erhalten etablieren dann gar nicht wenige Mütter gewisse Regeln eben für's Essen oder Zubettgehen. Einen Kompromiss, den die Kinder manchmal nicht wollen und die Mütter manchmal nur mit schlechtem Gewissen halbherzig durchsetzen.

Aber auch bei der falsch verstandenen Bedürfnisorientierung ausschließlich am Kind wird der Mutter mit dem Holzhammer eingetrichtert: Deine Bedürfnisse sind obsolet, sie schaden eventuell sogar der kindlichen Entwicklung zur Selbstbestimmtheit. Du und deine Care-Arbeit, ihr seid nichts wert. 

Und als Sahnehäubchen wird ja dann gern unterstrichen, dass diese wunderbaren Kinder schon perfekt mit ihrer Neugier und ihrer intrinsischen Motivation auf die Welt kommen. Fang bloß nicht an, sie zu erziehen, du verkorkst sie nur und nimmst ihnen ihre Vollkommenheit! Nur falls du dich fragst, liebe Mami, nicht deine Kinder machen etwas falsch, DU bist falsch mit deinen Ansichten, Bedürfnissen nach Ruhe und Sauberkeit und Schlaf. Die Kleinen können nix dafür, dass du ein fehlerhaftes Modell einer Mutter bist. Lass es nicht an ihnen aus. Arbeite an dir selbst! Optimiere dich doch auch als Mutter und Mensch selbst. 
Ach, und schreib dir keinesfalls auf die Fahnen, dass du was damit zu tun hättest, wenn die Kinder hinterher gut rauskommen. Das ist nicht dein Verdienst, sondern der Verdienst der Kinder, dass ihr Wesen deine Erziehungsversuche überlebt hat.

Also für mich klingt es am Ende sogar fast logisch, dass man nem Arbeiter, der alles falsch macht und nur Drecksarbeit macht, die nix wert ist und auch noch die lieben Kleinen drangsaliert, dass man so einer keine Anerkennung und schon gar keine Entlohnung zukommen lassen kann. Und dann wollen die Mütter diese Scheiße auch noch den Vätern zumuten? Ey, wo simmer denn? Also wenn ich so eine Mutti zuhause hätte, die mir dann auch noch mit Anforderungen kommt, da würd ich aber auch lieber länger im Büro bleiben oder mir gleich eine suchen, die nicht so blöd tut!

Und der Rest der Gesellschaft wundert sich, dass die Mütter an Burnout zu Grunde gehen. Ey, also früher haben die Frauen aber auch mehr ausgehalten. Echt jetzt. Immer dieses Gejammer. Was haben die eigentlich? Haben doch ein schönes Leben zu Hause. 

Und die betroffenen Mütter? Die fügen sich, denn wenn jeder sagt, du bist nix wert und auch deine Arbeit ist wertlos, dann muss da doch was dran sein. Irgendwie unrealistisch, dass alle da draußen unrecht haben, oder? Muss ich mir halt selbst einen Wert geben. Fang ich halt nen stylischen Mamablog an, und präsentiere, dass ich die perfekte Mutter und Hausfrau bin. Da kann ich auch mal was Jammerndes schreiben, das verstehen die anderen Mütter. Und dort bekomme ich sicher auch ein paar nette Kommentare für das toll zusammen gestellte Abendessen, oder die selbst gebastelten Kindersachen. Wenigstens das. Wenigstens das mach ich dann gut.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele von mir haben schon resigniert?

Mutter und Frau sein. Und Ehefrau und Arbeitnehmerin und noch tausend Sachen mehr. Aber hauptsächlich Mutter und gleichzeitig Frau sein. Darüber lese ich zur Zeit wieder mehr. 
Oder vielmehr lese ich Überschriften und dann hört's bei mir nämlich gleich schon wieder auf mit dem Thema.

Es drängt sich mir dann nämlich sofort der Gedanke auf, was ich nicht alles wollen muss... Und das auch noch gleichzeitig. Und dann fällt mir ein, dass ich das ja gar nicht muss und nicht will und zwar nicht, weil ich das so entscheide, sondern weil der eine und auch andere Teil von mir längst resigniert hat und daran gar nix schlimm ist.

Ich möchte also heute ein Lob der Resignation aussprechen. Denn im Gegensatz zu den meisten Menschen, die Resignation irgendwie negativ kontieren, finde ich das super. Mit Resignation lebt es sich ganz klasse. Allerdings darf's nicht nur vorgeschobene Resignation sein, obwohl man doch noch Hoffnung auf Änderung hat. Das macht nur unzufrieden und unglücklich. Echte Resignation hingegen ist ungemein befreiend. In einer gewissen Hinsicht zu resignieren ist sogar meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit zur inneren Freiheit, die wir haben. 

Um konkret zu werden, fangen wir also bei den Schlagworten 'Frau bleiben trotz Mutterschaft' an. Ehrlich? Ich hab beim Thema 'Frausein' längst resigniert. 

Ich bin schon aus 200 Metern Entfernung als Muddi auszumachen. Haare niemals offen, sonst klammert sich ein Babyäffchen dran. Kein Schmuck an Kopf/Ohren/Hals - Babyäffchen. Seit Jahren ausschließlich Stillkleidung oder Schwangerschaftszeugs. Keine hohen Schuhe, in mir oder an mir hängt ja ständig ein Baby. Keine feinen Schuhe, ich treib mich eh nie wo rum, wo's fein sein müsste. Kein Parfum/Deo da Schwangerschaftsübelkeitsgeruchsinnswahnsinn oder Babyäffchen. Keine Schminke, da keine Zeit, da zu viele Kinder. Keine vorzeigbar saubere Kleidung, da Babykotze und Babyrotze und Eis- und Schokoladenhändegeschmier. Kein Nagellack - wann soll ich das denn auch noch machen??? Kein Friseur, da keine Frisur, da lange Haare zusammengebunden eh keine spezielle Frisur brauchen. Kein schicker Wintermantel, da Tragejacke (100x geflickt, da permanent irgendein Kind dran hängt). Schöne Unterwäsche? Könnt ihr euch vorstellen, wie meine Still-BHs inzwischen aussehen, nach so vielen Jahren permanenten Gebrauchs und Waschens? Wollt ihr euch das vorstellen? Und generell, betrachte ich meine Brüste, so haben die längst nix mehr mit Weiblichkeit zu tun. Das ist Babygebiet.

Ich sag's mal ganz deutlich: Ich bin halt jetzt mal ne Muddi und ich seh auch so aus! 

Manch eine mag diese Aufzählung lesen und denken 'Aber mach doch mal für dich, für dein Gefühl!' Das dachte ich ja am Anfang auch. Aber dann merkte ich, dass der Aufwand dafür viel größer war als vor den Kindern. Es raubt meine Zeit, kostet mich Kraft und der Outcome ist dafür viel zu gering. Also hab ich mich in meine Rolle gefügt und resigniert. Wer viele kleine Kinder hat, der ist halt ne Mutti und der sieht auch so aus. 
Und das ist gar nicht schlimm.

'Tu dir doch auch mal was Gutes! Was für die Sinne!'
In dem Punkt hab ich resigniert, denn es war viel zu anstrengend für mich, mich auf Teufel komm raus zu erholen in meinen freien Minuten. Alkohol geht eh nicht. Essen? Gerne lecker, aber egal was es ist, ich würde auch ein 5-Gänge-Menü in Sekundenschnelle in mich hineinschaufeln. Ich sitze meist allein mit kleinen Kindern am Tisch. Mein Ziel ist satt zu werden. Gesund? Ja schon, für mich. Für die Kinder gibt's überwiegend jeden Tag das gleiche und das beinhaltet sicher kaum Gemüse oder Obst. Also versuch ich dieses ausgewogen Kochen für die ganze Familie gar nicht erst. Bin doch nicht blöd. 
Baden? Wann denn? Und wo denn? Wir haben gar keine Wanne.

'Mach dir doch mal nen gemütlichen Abend mit deinem Mann!'
Ich hab jetzt durchgehend nuckelnde, zahnende, rotzende, hustende Kinder, die seit 2011 jede Nacht auf höchstens 5-6 Stunden Schlaf begrenzen. Mir ist ja schon ein Rätsel, wie wir's überhaupt auf drei Kinder geschafft haben! Tssss.

Urlaub? Ach lasst mich einfach in Ruhe damit. Zu viel Arbeit, zu wenig Erholung, zu teuer.

Ich habe bei recht vielem einfach resigniert. Und es ist gar nicht schlimm. 

Und wisst ihr warum nicht?

Weil alles seine Zeit hat. Und jetzt ist halt Mami-Zeit. 
Mit allem was Mamisein bei drei kleinen Kindern bedeutet.

Was ich aber bei meiner Mutter gesehen habe: Die Zeiten ändern sich auch wieder!

Urlaub: Wenn T3 etwas größer ist und das besser mitmacht: mit dem Wohnmobil Europa erkunden. Aber Geld bezahlen, um in St.-Peter-Ording am Familienstrandabschnitt mit all den anderen Familien zu hocken? Nee, echt nicht.

Kleidung, schöne Sachen, die auch länger als 5 Minuten sauber bleiben? Schmuck, Zeit im Bad? Das wird sich ändern. Aber nicht mit Baby und nicht so lange ich stille und nicht bei dem Gerotze und Gepatsche und Gematschte. Das kommt schon noch.

In Ruhe Essen können? Vielleicht. Abwechslungsreich Essen? Irgendwann. Irgendwann sind alle Kinder aus der 'Is ess nur Nudel und Fisstäbsen'-Phase raus. Irgendwann probieren sie andere Sachen. Bei T1 ist das bereits der Fall. Fehlen nur noch 2 Kinder. Und dann trink ich ein Glas Wein und genieße den Abend mit dem Trüffel.

Aber im Moment wäre es ein echter Aufwand das alles zu organisieren und dann klappt das ja doch nicht so, wie gedacht und überhaupt ist mir das zu blöd. Also hab ich da einfach mal resigniert. Ich fühl mich halt grad nicht als Frau, nicht als Ehefrau. Ich bin halt grad die Mami. Und das ist gar nicht schlimm, denn ich bin frei.

Frei vom Gefühl was zu verpassen, was falsch zu machen, was ausprobieren zu müssen. Frei davon alles gleichzeitig sein zu müssen. Frei einem Lifestyle folgen zu müssen. Frei davon vorzeigbaren Erfolg haben zu müssen. Ich bin ja nur das Muttertier. Niemand hat Erwartungen an mich. Ich bin auch frei alle, die doch Erwartungen haben könnten einfach zu ignorieren.

Alles hat seine Zeit. 

Und wenn ich meine Enkel später auf dem Schoß sitzen habe, dann kann ich mich an die Zeit erinnern und mir denken 'Ach, wie anders war das Leben damals. Und jetzt kannste dir Babys ausleihen für ne Stunde und dann zurück geben und schön Essen gehen und hast beides. Ohne zu müssen.'

Freitag, 13. Januar 2017

Das Geschlecht denken

Da gibt es nun diesen Blogpost von der Rabenmutti, in dem sie ihre Enttäuschung darüber beschreibt, dass das zweite Kind, ein Wunschkind, kein Mädchen ist. Der Shitstorm, der darauf über die Bloggerin hinwegfegte ist noch nicht am Ende und ich muss sagen, spiegelt vor allem die selbstgerechte Art der heutigen Eltern wider, die immer und überall die Kinder und deren Gefühle und Entwicklung in den Vordergrund stellen.
Ich kann das schon nicht mehr hören und finde diese Einstellung auch falsch. Mal ernsthaft, Kinder sind psychisch nicht gar so zerbrechlich, wie gerne behauptet wird und sie können auch eine gewisse Resilienz entwickeln – müssen das sogar – sonst wären wir schon längst als Menschen ausgestorben. Und sich medial empörende Muttis find ich einfach nur scheiße.

Jetzt kennt der langjährige Leser aber meine Einstellung zum eigentlichen Thema, dem Geschlechterproblem beim Kind.

Ich kann der Rabenmutti zustimmen. Hätte ich einen Jungen bekommen, so hätte ich sicherlich auch aus Enttäuschung geflucht und geweint. Ich wollte und will keinen Sohn.

Nun ist das Geschlecht der eigenen Kinder für die meisten von uns, jedoch für immer weniger Paare, kein Wunschkonzert. Und sich eine Tochter zu wünschen ist definitiv kein Angriff auf Jungseltern. Vielmehr hat dieser sehr persönliche Wunsch leider garüberhauptnix mit anderen Eltern und deren Kindern zu tun. Dass die sich angesprochen fühlen, sagt lediglich etwas darüber aus, wie wenig diese abstrahieren und differenzieren können.

Um es noch deutlicher zu sagen: Mir ist scheißegal, welches Geschlecht dein Kind hat. Mir ist jedoch nicht egal, welches Geschlecht mein Kind hat!

Andere Mütter sollten so langsam lernen, dass Mamablogger in kleinen Blogs vorwiegend für sich selbst, nicht für andere schreiben. Es gilt klar der Satz: Wenn es dir nicht gefällt, dann lies es halt nicht!
Diese mediale Aufschrei- und Kränkungsmentalität suggeriert offensichtlich, dass sich irgendjemand für die Einzelmeinungen tausender anderer Interessiert. Dem ist nicht so.

Zurück zum Thema, nachdem ich mich über dieses Befindlichkeitsgedönse aufgeregt habe.

Wie schon öfter erwähnt, sehe ich mich bis heute nicht mit einem Jungen auf dem Arm. Nicht weil Jungs blöd sind, sondern weil ich es nicht sehe. Jungs sind mir fremd, Mädchen sind mir nah. Ich kann mich mit kleinen Mädchen identifizieren weil ich selbst eines war. Zwar sind meine Töchter charakterlich von mir verschieden, aber doch ist mir die Identifikation mit einem Mädchen leichter.

Und nicht nur mir geht es so, sondern auch meinen Töchtern. Ich würde die Hypothese wagen, dass diese extrem enge Verbundenheit und Identifikation die meine Töchter untereinander haben auch ihrem Geschlecht geschuldet sind. Sie tragen in ähnlichem Alter die selbe Kleidung, sie sehen sich verdammt ähnlich, vor allem die Kleinen haben in T1 eine unglaublich starke Identifikationsfigur. T2 ist sehr viel enger mit K1 verbunden, als mit jedem andern Kind, mit dem sie sonst spielt. Es gibt relativ wenig Streit, und im Moment auch kaum Versuche sich abzugrenzen. Und T3 entwickelt sichtbar die gleiche Tendenz. Sie hasst es ohne ihre großen Schwestern zu sein.

Nun ist das natürlich nicht prinzipiell bei Schwestern so und eine enge Verbundenheit besteht zweifellos auch zwischen Bruder und Schwester. Dennoch könnte ich mir gut vorstellen, dass dieser Verbund anders aufgestellt wäre, wenn es keine drei Mädchen wären. Möglich auch, dass sich drei Mädchen untereinander nur mäßig gut verstehen. Das ist und bleibt ja ein Gedankenexperiment.

Der eigentlich krasse und heftige Diskussionspunkt in der Geschlechterdiskussion ist nicht, ob diese Mutter auch einen Sohn lieben kann. Ein viel grundlegenderer Punkt ist für mich die Frage, kann es ein Problem sein, wenn aus dem Sohn ein Mann würde, der Dinge tut, die man selbst als Frau grundlegend ablehnt?

Für mich persönlich ist das ein Argument. Meine persönliche Erfahrung sagt mir, dass ich mit mindestens 85% der Männer negative Erfahrungen gemacht habe. Als Lehrer, mit stark sexistischen Tendenzen. Als gewalttätige oder bloß bedarfsorientiert empathische Partner, eine ganz gemeine Sache. Als machthungrigen, opportunistischen Chef, eine grundlegend änderungsbedürftige Sache. Als Bekannter/Freund/Kollege sehr oft mit sexistischen und/oder abwertenden Begegnungen. Und nun, da ich Mutter bin sehr krass z.B. als Konkurrenten am Arbeitsmarkt.

Das alles verleitet mich nicht direkt zu behaupten Jungs seinen schlecht. Sehr wohl gedenke ich, meinen Töchtern klar feministische Werte und Verhaltensweisen vorzuleben und sie ebenso darauf vorzubereiten, dass sie aufgrund ihres Geschlechtes Gewalt und Diskriminierung erleben werden. Ich werde diese Erfahrungen nämlich nicht verhindern können, jedoch kann ich dann vielleicht Ansprechpartner sein, oder mit ihnen Strategien entwickeln sich zu wehren.

Und genau an diesem Punkt darf sich jetzt jede Jungsmama angegriffen fühlen. Denn wenn eine meiner Töchter in 10 Jahren mit ihrem ersten Freund heim kommt, so werde ich ihr klar vermitteln: Sag nein, wenn du etwas nicht willst und hau ihm direkt auf die Nase, wenn er es trotzdem tut! Auch, wenn er dir unbeabsichtigt weh tut.

Ich weiß wohl, dass es bei Teenies zu Situationen kommt, die keiner will, einfach weil keiner weiß, was er tut. Und wegen der Hormone. Aber auch, weil einer von beiden unsensibler und weniger empathisch dem anderen gegenüber ist. Und da sind die Eltern gefragt.

Nun versuchen wir natürlich alle möglichst wenig falsch zu machen und unsere Kinder achtsam und empathisch gedeihen zu lassen (oder auch nicht), aber die Wahrscheinlichkeit ist doch gegeben, dass meine Tochter an nen Typen oder Chef oder Kollegen gerät, dessen Eltern da nicht besonders erfolgreich waren und dessen Charakter das nicht aus sich selbst gebiert.

Wenn ihr mich persönlich als Mutter dreier Töchter fragt: Ja, eure Söhne könnten eine potentielle Bedrohung für meine Mädels sein.

Diese Überlegungen entfremden mich tatsächlich noch sehr viel mehr dem Gedanken an einen Sohn. Und zu Beginn sind die ja auch so niedlich und harmlos. Die Mütter der Söhne, mit denen ich heute kämpfen muss, haben diese abgöttisch geliebt, wollten alles richtig machen und doch sind dann daraus Männer geworden, die in bestimmten Situationen Frauen nicht genug respektieren.

Ich sag mal so: Das ist ein echtes Problem.

Und wenn jetzt Jungsmütter mir Tod und Teufel an den Hals wünschen, so kann ich das verstehen. Berechtigt. Ihr wollt alle nicht, dass Eure Söhne irgendwem Schaden zufügen.

Aber aus Euren kleinen Babybuben werden mal ausgewachsene Männer, die eigenverantwortlich handeln. Vielleicht nicht in Eurem Sinne.

Das gilt für meine Töchter genauso. Die werden sicherlich Dinge tun, die ich verurteilen werden. Allerdings wird dabei vielleicht etwas weniger offene Gewalt oder bewusster Machtmissbrauch eine Rolle spielen.


Ich möchte zudem noch eine Geschichte erzählen, von mir und meinem ersten Freund. Ich war schwer verliebt. Er war aus sehr gutem Hause. Die Mutter die totale Attachment Parenting Mutter (aus meiner heutigen Beurteilung), er hatte Geschwister, ein sicheres geborgenes Elternhaus, finanzielle Sicherheit, Harmonie und Empathie allendhalben. Er war der absolute Prototyp eines Sohnes.
Und dann kam ich. Und ich löste etwas in ihm aus. Eine gewisse Triebsteuerung übernahm, der Verstand verschwand, die Vernunft wurde verdrängt von der Hormonflut. Und der Sohn, der mit gleichberechtigten Eltern aufwuchs stellte seine Lust über mein Nein. Nicht böswillig, aber doch weil er zum ersten Mal den geschützten achtsamen Raum seiner Mutter verließ und keinen eigenen aufbauen konnte oder wollte. Er war zu sehr getragen davon, dass alles richtig lief und er richtig war, dass er übersah, dass es nun an ihm war selbst respektvoll zu sein. Aus sich selbst heraus andere zu achten.
Wir trennten uns und die Mutter fragte mich, weshalb ich so wütend dabei bin und so abweisend und sie fragte mich, ob ihr Sohn etwas getan hätte, das falsch gewesen sei. Ich erinnere mich genau an die bitterlichen Tränen dieser Frau, als ich nicht antwortete, sondern nur zu Boden starrte.

All meine Erfahrungen führen zu meiner Aussage, ich bin froh nur Töchter zu haben. Ich weiß nicht, wie es ist einen Sohn groß zu ziehen. Ich will es nicht wissen. Ich lebe gut ohne diese Erfahrung. Ich musste mich nie mit einem Sohn auseinander setzen. Ja. Es ist so. Ich vermisse es aber nicht.

Eben weil es meist noch Zufall ist, ist das Thema so heikel. Ist es irgendwann flächendeckend kein Zufall mehr, wird ein anderes Problem wieder gegenwärtig werden. Immerhin sind heute immer noch Mädchen von Abtreibung und Kindstötung bedroht, einfach aufgrund der Wertigkeitsunterschiede von Mann und Frau. Und niemand soll glauben, dass dieses Problem eines außerhalb Mittel- und Nordeuropas ist. Mann und Frau sind keineswegs gleichgestellt, genauso wenig wie es Töchter und Söhne sind, sofern man nicht mit staatlichen Mitteln gezielt Gleichstellung herstellt. In der Natur des aufgeklärten Menschen liegt weder Gleichstellung, noch Gleichwertigkeit. Nicht weil Eltern ihre Söhne mehr lieben als ihre Töchter, sondern weil es Gleichstellung ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das wir bewusst als Maßstab setzen. Oder auch nicht.

Eine Mutter mit einem Sohn und einer Tochter liebt beide. Das stellt niemand in Frage. Nur ob sie beide gleich behandelt, ob sie beide gleich behandeln sollte – das ist eine ganz andere Frage.


Ich möchte euch weder eure Söhne, noch die Liebe zu ihnen, absprechen. Ich bin lediglich glücklich mit meinen drei Töchtern und wünsche mir keinen Sohn. Der Trüffel tut das jedoch. Er hätte gern einen Sohn. Denn der wäre ihm wahrscheinlich näher, es fiele ihm wahrscheinlich leichter sich mit ihm zu identifizieren. Kann ich verstehen. Es tut mir leid für ihn. Er wird sich mit seinen Töchtern arrangieren müssen.

Mittwoch, 11. Januar 2017

Ein guter Mensch

 Als ich mit T1 schwanger war besuchte ich eine Veranstaltung, eine Diskussionsrunde, der Uni Basel über die Vereinbarkeit von Familie du Beruf. An diesem Abend erzählten fünf Professoren von ihren Erfahrungen.
Ich muss gestehen, fast alle faselten erkennbar wirren und gehaltlosen Quatsch. Einzig eine Juraprofessorin mit Kleinkind gab vernünftige, nachvollziehbare Antworten.

Es wurde an diesem Abend vom Moderator eine sehr schöne, sehr gute und wichtige Frage gestellt:

Hat Sie das Kinderkriegen und –haben zu einem besseren Menschen gemacht?

Unnötig zu erwähnen, dass darauf nur blödsinnige Antworten kamen, die dümmste von einem hochdekorierten Medizinprof. Die erwähnte Juraprofessorin jedoch gab eine wunderbare Antwort. Sie sagte, sie habe mit Kind ihre Empathiefähigkeit ungemein trainieren müssen. Das sei für sie eine echte Bereicherung.

Über die Frage, ob mich meine Kinder zu einem besseren Menschen gemacht haben, habe ich seither unzählige Male nachgedacht.

Ich möchte der Juristin zustimmen, meine Kinder zwingen mich sehr viel mehr als die Gesellschaft im Allgemeinen zur Empathie. Ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen, mich in sie hinein versetzen, sie verstehen – schon allein um mit ihnen irgendwie umgehen zu können ohne durchzudrehen.

Ich musste mich auch nicht nur mit ihren äußeren Bedürfnissen, sondern sehr viel mehr mit ihren inneren Bedürfnissen nach Geborgenheit und Sicherheit auseinander setzen. Ich muss täglich darüber nachdenken, wie ich ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubere und Kinder sind zu Glück ein dankbares Ziel solcher Überlegungen.

Viel mehr als meine Auseinandersetzung mit meinen Kindern hat mich jedoch die Auseinandersetzung meiner Kinder mit mir verändert und nachhaltiger geprägt. Meine Kinder gaben mir die Chance, mich selbst noch mal ganz neu kennen zu lernen.

Klar hätte ich das auch auf verschiedenen Wegen ohne Kinder erreichen können, aber doch muss ich zugeben, dass mich das Kinderkriegen direkt mit der Nase darauf gestossen hat.
Denn Kinder stellen schon als Zygote allerlei Fragen – vor allem an die Mütter.

Wer bist du? Was willst du? Was kannst du? Was willst du nicht? Was kannst du nicht?

Kinder stellen diese Fragen nicht, um uns zu ärgern oder gar zu therapieren. Sie stellen den Eltern diese Fragen, um ein Bild von sich selbst zu bekommen, um im Diskurs mit dem Gegenüber ein Ich auszubilden.
Auf die Frage: Wer bist du? Folgt im nächstens Schritt automatisch die Frage: Wer bin ich?

Nun ist es aber so, dass wir Erwachsenen uns meist zuletzt im Teeniealter so grundlegend mit diesen Fragen beschäftigt haben. Wir haben dann irgendeine Antwort gefunden, meist geprägt von dem Bild, wer wir gerne wären und weniger, wer wir wirklich sind. Und seither waren wir damit beschäftigt, diese Projektion, die wir damals von uns aufgestellt haben, irgendwie zu erreichen. Seither optimieren wir an uns herum, arbeiten und sparen um uns materielle Werte zu generieren, suchen den perfekten Partner usw.

Ja und dann kommt da jemand, der aus uns heraus (im wörtlichen Sinne) wissen will, wer wir denn jetzt eigentlich sind? So ganz wirklich: Mama, wer bist du?

Ich sag mal so: Wehe dem, der dann keine Antwort parat hat.

Das kann schon sehr schwierig werden, auf die oben genannten Fragen keine Antworten zu haben. Zumal wir dem fragenden Kind auch nicht entkommen können. Wir können uns ja nicht einfach umdrehen und gehen. Nein, wenn ich heute keine Antwort geben kann, so fragt mich dieses Kind morgen direkt die selben Fragen und übermorgen auch und jeden weiteren Tag. Das wird wohl erst weniger penetrant, wenn mein Kind sich von sich selbst ein vorläufiges Bild gemacht hat. Aber auch dann sind die Fragen nicht endgültig beantwortet, ist der Diskurs nicht einfach vorbei.

Und so muss ich sagen, ja meine Kinder haben einen sehr viel besseren Menschen aus mir gemacht, weil sie mich zwingen zu reflektieren, jeden Tag auf’s Neue zu beantworten, wer ich bin, was ich kann und was ich will. Und was ich alles nicht kann und nicht will.

Ich bin sehr viel klarer geworden, mein Selbstbild hat sich sehr stark geschärft und ich habe auch realisiert, dass es in meiner Macht liegt, nicht nur getrieben zu sein, sondern was ich will und was ich kann selbst zu bestimmen und das auch klar zu formulieren. Ich kann mich bewusst dazu entscheiden mich auf eine Weise zu verhalten. Und ich kann das auch bewusst so umsetzen, wenn ich will. Eine vielleicht triviale, aber für mich nicht selbstverständliche Erkenntnis, dass ich nicht nur abhängig bin.

Leider stelle ich fest, dass manche Eltern mit diesen Fragen kämpfen. Ich möchte behaupten, dass ein guter Teil der heutigen Verunsicherung, was wann wie richtig ist in Bezug auf Kinder, von der Tatsache herrührt, dass es auf diese Fragen keine einfachen endgültigen Antworten gibt. Man muss sie jeden Tag wieder beantworten und man braucht wirklich starke Nerven und viel Überlegung, Muse, Auseinandersetzung und Durchhaltevermögen, um Antworten zu finden, mit denen man gut leben kann. Manche bräuchten gar Unterstützung von außen, weil sie in der Reflexion allein überfordert sind. Und eigentlich hat man ja ganze vierzig Wochen Zeit, sich schon einmal Gedanken über diese Fragen zu machen. Denn wenn das Kind auf der Welt ist, dann ist es eigentlich zu spät. Dann gerät man massiv in Stress, weil eben kaum mehr Musestunden vorhanden sind, weil einem die Müdigkeit und die Hormone den Kopf vernebeln.

Die Kinder jedenfalls lassen sich von so Kleinigkeiten wie Zeit oder Schlaf nicht daran hindern die Eltern permanent mit den Fragen zu bombardieren.

Ich wünschte, Schwangeren würde die Zeit und Unterstützung gegeben, sich ihrem Selbstbild zu stellen, bevor es das Kind tut. Das würde allen wahrscheinlich einiges an Frust und Druck und Stress und Angst ersparen.



Der Medizinprofessor antwortete damals im Übrigen, er sei ein besserer Mensch geworden, weil er nachts, als er das weinende Kind herumtrug, seine medizinische Probleme wälzte und so zur Rettung der Menschheit beitrug. Was für ein Versager...